„Hört doch – heute – auf seine Stimme!“ (Ps 95,7) Überlegungen zur biblischen (Gehör-)Bildung

Allgemein

Prof. Dr. Georg Steins

 „Morgen für Morgen weckt er mir das Ohr, damit ich höre wie ein Schüler. Gott, JHWH, hat mir das Ohr aufgetan.“ Jesaja 50,4f

An der Bibel führen im Religionsunterricht offenkundig viele Wege vorbei. „In meinem Religionsunterricht war die Bibel eine Rarität“ – solche Antworten auf die Frage nach den Erfahrungen mit Bibel höre ich häufiger als (gute) Erinnerungen an eine Beschäftigung mit der Heiligen Schrift.

Das Ziel der Beschäftigung mit der Bibel:

Begegnung, aus der eine Beziehung erwächst, eine von Verstehen geprägte und das Leben geistlich tragende, eine spirituelle Lebenspartnerschaft. Ein geringerer Anspruch (etwa Kenntnis der Quellen des Christentums, Einsicht in die kulturelle Prägekraft der Bibel) bliebe hinter dem Anspruch der Bibel als Heiliger Schrift einer Glaubensgemeinschaft zurück. Beziehung lebt von einer Faszination, die über sie hinausweist und hinausführt. Wo bleibt das Mitreißende, das Bezwingende und Fordernde, die ganze Wucht der Heiligen Schrift im Religionsunterricht?

Prekäre Situation der Lehrkräfte – vier Schlaglichter

  1. Ihre Ausbildung stand vielfach noch ganz im Zeichen des historischen Paradigmas. Die  Wahrnehmung der Bibel war von einem Bild der Geschichte Israels und der jungen Kirche gesteuert. In der Folge wurde die biblische Narratio (mit ihrer Eigengesetzlichkeit s.u.) ersetzt durch eine hypothetische Literaturgeschichte (pointiert: Bibel gefangen im „Wäscheleinenparadigma“, ihre texte chronologisch gereiht und kontextualisiert).
  2. Lehrpläne „vernutzen“ Bibel; die Texte werden thematischen Vorgaben untergeordnet und verzweckt, können nicht sprechen (Bsp.: Jona für das Thema „Hören auf Gott“, es geht aber im Jonabuch eher um die Unmöglichkeit der Gerichtsprophetie angesichts eines vergebungsbereiten Gottes, der sogar die Völker einbezieht).
  3. Die neuesten Entwicklungen der biblischen Hermeneutik sind zu wenig bekannt und didaktisch umgesetzt: die Neuentdeckung der „Einheit und Ganzheit“ der Bibel (nicht Einheitlichkeit, sondern Rückwendung zur Literatur und zur Lese-, Glaubens- und Auslegungsgemeinschaft, aus der die Bibel kommt, vgl. Stanley Fish: „interpretive communities“ und den „canonical turn“ der Exegese).
  4. Das Unterrichtsmaterial ist nicht selten von fragwürdiger Selektion geprägt, Bsp. „Meine Schulbibel für die 7-12 Jährigen“, in der keine Erzählung über den Erzvater Jakob/Israel(!) vorkommt, die Israelvergessenheit quasi amtlich festgeschrieben wird.

Hören – das biblische Leitwort der Begegnung und Beziehung.

Hören wird biblisch nicht verstanden als einmaliger oder nur anfänglicher Akt, sondern ist die Mitte gelebter Beziehung, auch der Beziehung zu Gott, vgl. Ex 19,5: „Wenn ihr hört, wirklich hört…“; in Ex 24,7 die merkwürdige Inversion, die das Tun dem Hören voranstellt und damit das Hören als Zielpunkt des Tuns versteht; Joh 10,3.27 „hören auf meine Stimme“; ferner den Beginn der Offenbarungskonstitution „Dei Verbum religiose audiens“ – „Gottes Wort mit innerer Ergriffenheit hörend…“.

Hören ist wie Sprechen ein komplexer Vorgang, der im Mitleben geschieht und durch Einweisung und Einübung vertieft wird:  Hören, im Dialog, der der Stimme des Anderen Raum gibt.

Wie könnte eine vom Zu-Hören geprägten Bibeldidaktik aussehen?

  1. Ganzschriften lesen. Das Exodusbuch ist etwas anders als die Exodusbotschaft, erst recht als das sog. Exodusereignis. In der Begegnung mit dem Exodusbuch kann etwas aufbrechen, über das Exodusereignis kann ich nur dozieren und ggfs. noch Analogien (Korrelationen) suchen, die Exodusbotschaft ist komplexer als der Hinweis auf eine Rettung von Sklaven (vgl. nur die beiden zusammengehörenden „Selbst-Vorstellungen Gottes“ in Ex 3,14 und in Ex 34,6f).
  2. Wiederentdeckung der (kleinen) Bücher wie Rut, Esther, Jona, Daniel und Tobit, die Exempel einer Existenz vor Gott unter politischen und existenziellen Schwierigkeiten zeichnen. Diese sind als „späte“ Texte in katholischer Bibeldidaktik marginalisiert, da man sich seit den 60er Jahren im Gefolge des bibelwissenschaftlichen Trends zunehmend auf die Frühzeit und die Anfänge des Gottesglaubens in Israels konzentriert hat.
  3. Erschließung der „Einheit und Ganzheit der Schrift“ (vgl. Dei Verbum Nr. 12): Die  Frage war lange Zeit verpönt, weil man die Vielfalt und Vielstimmigkeit betonte und alle Energie auf die Herausarbeitung der komplexen Textwerdungsprozesse verwandte; diese tragenden Aspekte der Bibel sind nicht zu leugnen und zu nivellieren! Aber es gibt innerlich Verbindendes und Akzente Setzendes (das auch etwa einer Symboldidaktik erst Kriterien der Auswahl und Gewichtung liefern könnte), d.s. vor allem
  • der gesamtbiblische narrative Bogen von der Schöpfung bis zur Neu-Schöpfung (das Ende wird als Neu-Anfang erzählt, nicht als Abschluss, vgl. Offb 21,1 mit Gen 1,1);
  • die Basismetapher vom Königtum Gottes, die die Bibel von der ersten Seite an grundiert und „im Innersten zusammenhält“. Es gibt bei aller Diversität ein organisierendes Zentrum, kein buntes und beliebiges Nebeneinander zahlreicher Gottesbilder;
  • fünf basale Themen (der Basismetapher direkt zugeordnet), die immer aufs Neue aufgegriffen und um Facetten angereichert werden, diese sind (1) stets neue Anfänge (nicht nur Protologie), (2) Götzenkritik (James A. Sanders: „monotheisierende Tendenz“) (3) Formung einer neuen Gemeinschaft („Volk Gottes“ in Israel und Kirche) nach Gottes Willen (Tora), (4) Überwindung destruktiver Gewalt (durch Rechtsordnung und  durch das Leidensparadox, vgl. 2 Kor 12,9: „Gottes Dynamis kommt in der Schwachheit ans Ziel“; das Ende des „Mythos der erlösenden Gewalt“: Walter Wink); (5) Klage und Lob als Grundgestaltungen des Gottesglaubens;
  • einige (wenige) alles überragenden Figuren: Abraham, Mose, David und Jesus („larger than life figures“), d.s. Gestalten, die literarisch diverses Material in unterschiedlichen Büchern und thematische Konzepte aus diversen Herkünften integrieren (z.B. David als zweiter Mose; die Verortung Jesu in Mt 1,1) ; Figuren vielschichtig, lebensnah gezeichnet;
  • Strukturen der Vergegenwärtigung in der Schrift selbst als Verstehenshilfe. Das ist der positive Gehalt von Kanon = Bewahrung des unerschöpflichen, weil gottgesetzten Anfangs (gegen einen unproduktiven negativen Kanonbegriff, der auf Macht, Fixierung, Exklusion abhebt). Beispiele: Die Meerwundererzählung wird in einem „liturgischen Kontext“ überliefert (Ex 12-15); der Pentateuch hat seine Mitte in einer umfassenden Lebenspraxis erneuerter Gottesnähe (d.i. die Bedeutung der oft als bizzar erscheinenden Riten und Regeln in Levitikus); der Anfang der Königsgeschichte steht in einem hymnischen Rahmen (1 Sam 2 und 2 Sam 22f), der den „Bericht“ auf Gott und auf Zukunft hin öffnet; in Wundergeschichten wird z.B. ein Tempuswechsel als Hinweis auf die Gegenwärtigkeit des Wunders eingesetzt (vgl. die recht genaue NT-Übersetzung von F. Stier).

Worauf kommt es also an?

 Die Größe (auch quantitativ), Schönheit und Fremdheit der Bibel erleben lassen – im metaphern-, exempel- und struktursensiblen Umgang mit der Bibel – mit Hilfe der offenen Konzepte neuerer Bibelhermeneutik: Wenn es um eine Begegnung im Hören geht, besteht die eigentliche Aufgabe des Unterrichts darin, solche Gelegenheiten zu schaffen; weniger hieße, hinter dem Anspruch des Wortes Gottes zurückbleiben, mehr bedeutete, einen zukunftsoffenen Dialog objektivieren zu wollen. „Dicta igitur sacri eloquii cum legentium spiritu crescunt“ („Die heiligen Worte wachsen also mit dem Geist der Lesenden“: Gregor d.Gr., Ezechiel-Homilien I,7,10) – Sinn-Komplexion, eine Vergrößerung, ein Reicher-Werden des Sinns bei Schrift und Lesenden …

Literatur:

Steins, Kanonisch-Intertextuelle Studien zum Alten Testament, Stuttgarter Biblische Aufsatzbände 48, Stuttgart 2009
Zimmer, Die Bibel im Religionsunterricht. Vom garstigen Graben und neuen Wegen, Bibel und Liturgie 86, (2013) 72-80
Wagerer, Wolfgang, Das Hören ist der erste Schritt – Vernehmendes Theologisieren im strukturbewahrenden Erzählen, JB für Kindertheologie 7 (2008) 155-169
Päpstliche Bibelkommission, Die Interpretation der Bibel in der Kirche, VApSt 115, Bonn 1993 (die innovativen Teile III und IV).
AK Bibel und Didaktik, Leitfaden für Analyse von Bibeltexten, online unter: http://www.kath-theologie.uni-osnabrueck.de/uploads/Studium/Bibel-Text-Analyse.pdf oder auf dieser Homepage !