In der von Werner Laubi nacherzählten und von Annegert Fuchshuber illustrierten KINDERBIBEL aus dem Ernst Kaufmann Verlag, einem inzwischen in 12. Auflage vorhandenen kinderbiblischen Longseller, hat die Illustratorin in der ersten Auflage 1992 eine außergewöhnliche Bildkomposition gewagt.

Das Titelbild zeigt Josef und Maria auf einem Esel mit dem kleinen Jesu in einer Wüste, wahrscheinlich auf dem Weg nach Ägypten (Bei der Nacherzählung von der Flucht nach Ägypten wird das Titelbild wieder aufgenommen). Es ist auf den ersten Blick ein idyllisches Bild, das zentrale kindgemäße Aspekte anspricht: Tier und Kind. Zudem wird die Bibel als Buch häufig mit Wüste als Landschaft in Verbindung gebracht. Das außergewöhnliche ist die Rückseite. Dreht man diese „Kinderbibel“ um, so entdeckt man, dass die Wüstenlandschaft auf der Rückseite weiterläuft. Dort auf der Rückseite liegt ein großer, friedlich aussehender Löwe im Sand und zwischen seinen Pranken ruht friedlich ein kleines Lamm.

Auch hier wiederum Tierbilder, vordergründig sicher zunächst auf kindliches Interesse spekulierend. Aber die Kombination von Löwe und Lamm ist wohl auch für Kinder bereits ungewöhnlich genug und provoziert so Fragen. Fragen, auf die das Buch Jesaja Antwort gibt:
So wird es sein: Ehe sie rufen, antworte ich, / während sie noch reden, höre ich. Wolf und Lamm weiden zusammen / und der Löwe frisst Stroh wie das Rind, / doch der Schlange Nahrung ist der Staub. Man tut nichts Böses / und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht der HERR. (Jes 65,25)
„Der Wolf findet Schutz beim Lamm, / der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, / ein kleiner Junge leitet sie. (Jes 11,6)
Mit Jesus ist die messianische Zeit angebrochen, Gegenwart geworden. Ich kenne in der christlichen Bildgeschichte keine Parallele zu einer solchen messianisch-friedenstheologischen Bildkombination, wie sie Fuchshuber hier entworfen hat. Diese Verschmelzung von jesajanischer Vision und lukanischer Erzählung erinnert an die Auslegung von Jes 2 und Micha 4 in der alten Kirche. In seinem berühmten „Dialog mit dem Juden Tryphon“ schreibt der frühchristliche Philosoph und Kirchenvater Justinus um ca. 160 nach Christus:
„Wir haben von dem Gesetz und dem Wort, das von Jerusalem durch Jesu Apostel ausging, die
Gottesverehrung gelernt, und wir haben bei dem Gotte Jakobs und dem Gottes Israels Zuflucht
genommen. Obwohl wir uns so gut auf Krieg, Mord und alles Böse verstanden haben, haben
wir alle auf der weiten Erde unsere Kriegswerkzeuge umgewandelt, die Schwerter in Pflug-
scharen, die Lanzen in Ackergeräte, und bauen nun Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Menschlich-
keit, Glaube und Hoffnung an, Hoffnung, die vom Vater selbst durch den Gekreuzigten gegeben
ist.“ (zitiert nach Lohfink, Gerhard, Wie hat Jesus Gemeinde gewollt, Stuttgart 2015, 240)
Auch hier bei Justin, die Verheißungen des AT haben sich erfüllt, denn der Messias ist gekommen. Der konkrete Ort der Erfüllung ist die christliche Gemeinde. In der Perspektive solcher Theologie ist es absolut sachgerecht, dass in der Wüste, durch die die heilige Familie auf ihrem Esel unterwegs ist, Löwe und Lamm zu Hause ist.
Es wäre daher schön, wenn der Verlag sich entschließen könnte, diese Bildkomposition wieder herzustellen. In der aktuellen Ausgabe sind Löwe und Lamm nämlich leider verschwunden, die Wüste ist wüst und leer !
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